Vor etwa zwei, drei Wochen, wir sind auf unserer Abendrunde, als plötzlich etwas vor mir auftaucht. Huch, was ist das? Das war gestern aber noch nicht da. An der Straße stehen zwei große Werbebanner, etwa drei Meter breit und zwei Meter hoch.
Natürlich ist sofort mein Design-Gen angesprungen. Neugierig wie ich bin, schaue ich es mir genauer an. Mein erster Gedanke: Oje …
Das kann doch niemand lesen, wenn man nicht gerade direkt davor steht. Bei genauerem Hinsehen wurde schnell klar: Hier wurden einige wichtige Grundregeln für gut lesbare Großformatwerbung nicht berücksichtigt.
Später habe ich mich auch noch mit einem Nachbarn – kein Designer – darüber unterhalten. Er war ebenso irritiert von der Gestaltung wie ich. Es war also nicht nur mein Gestalter-Gen, dass registriert hat, das funktioniert so nicht.
Wenn du ein Großformatbanner gestalten willst, solltest du dich immer zuerst fragen:
Kann ich die Botschaft dort lesen, wo sie gelesen werden soll?
Das wurde hier offenbar vollkommen vernachlässigt.

Denn, um alles lesen zu können, muss man eben davor stehen bzw. mit seinem Auto anhalten. Eigentlich sollte die Botschaft von vorbeifahrenden Menschen schnell erfasst werden können. Zumindest die wichtigsten Informationen sollten innerhalb von ein, zwei Sekunden verständlich sein.
1. Lesbarkeit: Die Schrift ist entweder zu klein oder zu „mager“ (dünne Linien). Die Schreibschrift „Festwochenende“ ist kaum aus der Entfernung lesbar. Die Buchstaben laufen ineinander. Der Zeilenabstand und die Laufweite sind teilweise auch nicht optimal.
2. Kontrast: Besonders negativ aufgefallen ist mir der insgesamt viel zu geringe Kontrast. Wenn man bedenkt, dass vorbeifahrende Autofahrer das Banner schnell erfassen sollen, ist das auf diese Entfernung kaum möglich. Kommt dann noch die Sonneneinstrahlung dazu, hast du kaum eine Chance, etwas zu erkennen.
3. Inhaltliche Reduktion: Ich habe mich auch gefragt, warum man das nichtssagende „Festwochenende“ als wichtigste Information, als Headline, gewählt hat. Auch hier: Im Vorbeifahren hast du niemals genug Zeit, dir zusammenzureimen, um was genau es geht. Du siehst „Festwochenende“ und erfasst vielleicht noch das erste Datum – und das war’s.
Was? Wann? Wo? Die wichtigsten Informationen sollten auf den ersten Blick erkennbar sein, das ist hier nicht der Fall.
4. Nicht jedes Gestaltungselement ist automatisch sinnvoll: Mir sind die Social-Media-Icons unten links aufgefallen. Grundsätzlich können solche Hinweise natürlich sinnvoll sein. Hier helfen sie dem Betrachter allerdings nicht weiter. Es fehlt der Accountname. Damit läuft die Information im Grunde ins Leere. Und es bleibt nur die Erkenntnis: Okay, und weiter?
So nimmt dieses Element nur Platz weg, ohne seinen eigentlichen Zweck zu erfüllen.
5. Material und Standort: Warum wurde Mesh verwendet, habe ich mich gefragt. Mesh ist ein perforiertes Gewebe, durch das Luft und Licht hindurchtreten können. Das macht es besonders für windreiche Standorte interessant – allerdings beeinflusst die Transparenz auch die Wirkung der Gestaltung.
Großformatwerbung ist keine Plakatwand im Kleinformat
Bei Großformatwerbung spielen eben nicht nur die Schriftgröße, sondern auch der Betrachtungsabstand, Fahrgeschwindigkeit, Schriftart, Kontrast und Informationsmenge eine wichtige Rolle.
Bei einem Banner, das aus größerer Entfernung und möglicherweise unter schwierigen Lichtbedingungen gelesen werden soll, sind klar gezeichnete, serifenlose Schriften meistens die bessere Wahl.
Serifenschriften besitzen kleine Endstriche, die sogenannten Serifen. Bei serifenlosen Schriften fehlen diese. Beide Schriftarten haben ihre Berechtigung und können ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen. Für ein Banner, das aus großer Entfernung schnell erfasst werden muss, würde ich jedoch eine klar gezeichnete, gut lesbare Schrift bevorzugen.

Mesh oder PVC: Welches Material passt zum Standort?
Das Material war also nicht grundsätzlich falsch gewählt. Das Problem war vielmehr, dass die Gestaltung nicht ausreichend auf die Eigenschaften des Materials und die konkrete Situation abgestimmt wurde.
Vorteile PVC-Banner:
- geschlossene Oberfläche
- bessere Farbwiedergabe
- höhere Brillanz
- häufig günstiger
- keine Transparenz
Nachteile PVC-Banner:
- schwerer
- weniger winddurchlässig
- ökologisch problematischer bzw. je nach Produkt unterschiedliche Recyclingmöglichkeiten
Wenn der Standort verändert werden könnte, würde ich einen weniger problematischen Standort wählen und Mesh beibehalten. Wenn der Standort zwingend ist und die Winddurchlässigkeit keine Rolle spielt, wäre PVC eine mögliche Alternative.
Bildschirmdarstellung ist nicht gleich Druck
Ein Entwurf auf dem Monitor sieht niemals exakt so aus wie ein bedrucktes Banner. Ein Bildschirm ist selbstleuchtend, hat extrem brillante Farben und du kannst den Betrachtungsabstand so wählen, wie er für dich optimal ist.

Beim Banner gibt es reflektiertes und Umgebungslicht, das Auswirkungen auf die Lesbarkeit hat. Dazu kommen Materialstruktur, Leseabstand, Wetter und damit auch die Sonneneinstrahlung.
Vor allem bei Mesh ist das relevant, weil das Material selbst die Farbwahrnehmung und den Kontrast beeinflusst.
Was hätte ich anders gemacht?
Für diesen konkreten Standort hätte ich zunächst geprüft, ob sich ein besser geeigneter Standort finden lässt. Dann könnte Mesh aufgrund der hohen Windlast durchaus die richtige Wahl bleiben.
Wenn der Standort allerdings zwingend ist und keine besondere Winddurchlässigkeit benötigt wird, wäre PVC für mich die Alternative. Aber unabhängig vom Material würde ich vor allem die Gestaltung verändern …

Wie du siehst, habe ich den Hintergrund verändert für einen besseren Kontrast und die wichtigen Informationen in den Mittelpunkt gerückt. Dazu eine besser lesbare und größere Schrift. Und die Infos aufs Wesentliche reduziert.
Grundsätzlich sollte sich die Gestaltung immer an die tatsächliche Nutzung anpassen – natürlich im Rahmen des Corporate Designs, wenn es eines gibt. Gerade bei einem Banner an einer Bundesstraße muss die Botschaft aus der Entfernung und im Vorbeifahren funktionieren. Dafür bleibt nur wenig Zeit: Die wichtigsten Informationen müssen schnell erfassbar sein.
Die fünf wichtigsten Punkte für eine gute Bannergestaltung
- Gestalte für den tatsächlichen Betrachtungsabstand.
Schrift muss groß genug und die Informationsmenge überschaubar sein. - Sorge für ausreichend Kontrast.
Berücksichtige dabei auch Lichteinfall und Umgebung. - Wähle Schrift und Zeilenabstände und Laufweite nach Lesbarkeit.
Nicht danach, was besonders dekorativ aussieht. - Wähle das Material passend zum Standort.
Mesh, PVC & Co. haben unterschiedliche Eigenschaften. - Vertraue nicht allein auf die Bildschirmansicht.
Material, Licht und Umgebung beeinflussen das fertige Druckprodukt.
Ein gutes Banner ist nicht das, was auf dem Bildschirm am schönsten aussieht. Es ist das, was dort funktioniert, wo es später gesehen werden soll.
Du möchtest noch ein anderes Praxisbeispiel sehen?
In meinem Beitrag „Wie gute Prospektgestaltung den Unterschied macht und Vertrauen schafft“ zeige ich anhand eines Vorher-Nachher-Beispiels, wie Gestaltung die Wirkung eines Werbemittels verändern kann.

… ist seit 22 Jahren Grafikdesignerin. Ihr Schwerpunkt ist nachhaltiges Design. Sie gestaltet Logos & Branddesigns. Sie unterstützt kleine Manufakturen, Solo-Selbstständige & Visionär*innen beim gesamten Markenauftritt. Ihr Angebot richtet sich an Menschen, die für ihre Idee brennen, die Nachhaltigkeit nicht als Trend verstehen und etwas in dieser Welt bewirken wollen.
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